1995 Buna4

   
 

Denkraum (4-end)

Frank Wagner

Vielleicht sind die Veranstalter der Gummiausstellung ja ganz froh, da§ das Projekt ausgelagert und letztendlich vom Fšrderverein fŸr die europŠische Werkstatt fŸr Kunst und Kultur im Festspielhaus Hellerau gezeigt wurde. Die PrŠsentation von menschenverachtender Politik pa§t nicht in eine objektive Materialausstellung und die Kunst hat da sowieso wenig zu suchen. Der Versuch, sie zu integrieren, verlief halbherzig.

Ein Freund erzŠhlte mir, da§ ihm der Raum im Hygienemuseum, in dem einige Kunstwerke aus Gummi abgestellt sind, extra hŠtte aufgeschlossen werden mŸssen. Er begnŸgte sich daher mit dem Product Placing der gro§en Gummifirmen. Buna 4 ist eine kŸnstlerische NŠherung an einen ungeheuerlichen Sachverhalt. Er versucht mit MonumentalitŠt und Miniaturisierung dem Publikum einen spezifisch und dennoch vagen, mehrfach determinierten sinnlichen und intellektuellen Eindruck zu verschaffen.

Es ist ein Denkraum, eine zum Nachdenken anregende Struktur, ein ReprŠsentationsmodell fŸr skrupellose Machtanwendung und extremste Ausbeutung zur Profitmaximierung. Alexander Thiele wurde von Moonen, Arndt und Peters eingeladen, eine seiner Atemmaschinen zu diesem Themenkomplex beizusteuern. Er erweitert und ergŠnzt die pneumatische Anlage von Rob Moonen, dem KernstŸck von Buna 4, zum monstršsen Objekt des biophysikalischen Experiments und erweitert die Kunstinstallation zur bedrohlichen Versuchsanordnung.

Ein StahlgerŸst spannt einen 3 mal 3 Meter gro§en Raum auf, in dem gro§e GummisŠcke von zwei Motoren - Šhnlich einer Lungenmaschine - aufgeblasen und entleert werden. Der Raum ist betretbar. Man wird jedoch nicht lange verweilen. Sie werden schnell bemerken, weshalb. Alexander Thiele hat schon mehrere solcher Maschinen gebaut, die teilweise mit biologischem Material, den Lungen einer Ratte oder eines Rinds oder mit Pelz funktionieren.

Er versucht biologisch-wissenschaftliches Denken auf kunstpraktische und konzeptuelle Prozesse zu Ÿbertragen und macht die gewissenhafte, kalkulierte Arbeitsweise des Wissenschaftlers und dessen moralisch-ethische Verantwortung in seiner Reflexion Ÿber Techniken der Naturbeherrschung deutlich. Auch hier, wie bei Buna 4, ist der Leerlauf, der irgendwann einmal zum Zusammenbruch des Systems fŸhren wird, konstituierend fŸr die kŸnstlerisch-experimentelle VergegenwŠrtigung. Wie eingangs erwŠhnt wurde eine Stiftung von der I. G. Farben eingerichtet, um etwaige AnsprŸche auf EntschŠdigung wegen Einsatz zur Zwangsarbeit und Internierung zu erfŸllen.

Dies hŠngt aber von den schwer einlšsbaren RŸckŸbereignungsansprŸchen von GrundstŸcken in Ostdeutschland ab. Von der Entflechtung und Entnazifizierung der 40er Jahre geraten wir nun in die verkorkste politische und wirtschaftliche Gegenwart der Bundesrepublik, die Wiedervereinigungspolitik der 90er Jahre und die Abwicklung der DDR-Wirtschaft, so wie die Neuverteilung von Grund und Boden.

Das Gummikombinat ÓElbeÓ, dessen Belegschaft den KŸnstlern so gro§zŸgig mit Fachwissen zur Seite stand und vor allem das Ausgangsmaterial fŸr die Installation, den Bahngummi oder auch Kalanderplatte genannt, aus Lagerrestposten zur VerfŸgung gestellt hat, ist nun liquidiert, die Arbeiter zum gro§en Teil entlassen und das Werk hat einen neuen Namen, ÓLausitz Elaste Gummiwerk WittenbergÓ.

Ein kapitalistisch umorganisierter Betrieb mit nostalgischem Namen, der aus GrŸnden der Konkurrenz aus dem Ausland kaum wettbewerbsfŠhig sein wird. Die Zukunftsaussichten sind nicht rosig. Wir wŸnschen ihm dennoch viel GlŸck und wenig Leerlauf.

 

Vielen Dank.

 

Frank Wagner ist als Kurator fŸr zeitgenšssische Kunstprojekte bei der Neuen Gesellschaft fŸr Bildende Kunst, NGBK, in Berlin zustŠndig.

Im November und Dezember 1995 zeigt er die Installation Ócamera silensÓ von Rob Moonen und Olaf Arndt im Rahmen des ÓRealismusstudioÓ der NGBK. Der Katalog ÓBuna 4Ó enthŠlt neben zahlreichen Texten, unter anderem von Otto Kšhler und Thomas Hafner, 17 gro§formatige Abbildungen auf Pergamin und erscheint bei Edition Nautilus.